Hinter den Kulissen
Mitte des 19. Jahrhunderts, dürfte Mayerling “moderner” gewesen sein als heute: 14 Häuser gibt es, darunter im Kirchenfeld oberhalb der Straße nach Alland im barocken Granarium das Gasthaus Eipeldauer mit Schankgarten und Pavillon. Im Norden steht das Haus des Heiligenkreuzer Stiftförsters Knapp, in dem es bereits Fremdenzimmer für Pilger gibt. Kleinere Gebäude, Gesindehäuser und Schuppen, grenzen den Kirchplatz gegen Osten ab. Zu dieser Zeit sind die Einwohner Mayerlings durchweg Waldbauern, die neben spärlichem Ackerbau vielfach auch Holzhandel betreiben. Unter den 24 Familien gibt es zwei Handwerker.
An der Durchgangsstraße stand seit Maria Theresias Zeiten eine Poststation, die Herberge und Jausenstation des Breitenfurter Gastwirtes Gottwald - später im Besitz der Familien Vasak, Grundner, Knotzer und Gratzer -, und dahinter eine 1891 abgetragene Villa mit Gärtnerwohnhaus, Scheune, Stall und viereckigem Wirtschaftshof.
Das Jagdrevier des kaiserlichen Hofes rund um Glashütte - hier saßen die Habsburg auf Kahlwild. In Mayerling schoss der Kronprinz selten, vornehmlich von einer Rastbank oberhalb des Helenentales dort, wo jetzt das “Hotel Helenenstüberl” steht. Nur zehn Jagden, meist einfache Pirschgänge, fanden vom neuen Schloss aus statt. Die letzte war die Schicksalhafteste: seine Kaiserliche und Königliche Hoheit der durchlauchtigste Kronprinz Erzherzog Rudolf von Österreich starb. Nicht im Hochstand. Nicht auf der Pirsch. Wahrscheinlich im Bett.
Rudolf wohnt zu dieser Zeit oft im Allander Gasthaus “Zum goldenen Löwen” oder logiert ab 1884 im Forsthaus Nr. 14 am Jägerkreuz. Da er stets auf der Fahrt nach Alland von der Gräfin Leiningen in Mayerling mehr als freudig begrüßt wird, soll es zu pikanten Eifersuchtsszenen zwischen dem Kronprinz und seiner Gattin, der Erzherzogin Stephanie gekommen sein.
Um diese “sexuelle Belästigung” zu beenden, kaufte 1886 kurzerhand die Kabinettskanzlei des Kaisers die Leining’ sche Villa in Mayerling und zwei weitere Häuser, die noch im selben Jahr dem Stift zum Tausch für Forsthaus, Gasthaus Eipeldauer, die Gartenkellnerei und ein Zinshaus anboten werden. Zusätzlich erhielt Heiligenkreuz als Wertausgleich noch 25.000 Gulden. Mit diesem geschickten Schachzug ist der Weg nach Alland zunächst wieder “hindernisfrei”.
Um jedoch ein abgeschlossenes Refugium für den Erzherzog Thronfolger, seine Gattin Stephanie und ihre gemeinsame Tochter Elisabeth zu schaffen, wird das Gasthaus Eipeldauer geschlossen, das Areal umgebaut, der Zugang mit einem Schild “Hier ist das Gehen und Fahren verboten” Unbefugten untersagt und die Bezirksstraße sogar auf fast einem Kilometer in Richtung Schwechat verlegt. So entsteht in Mayerling ein Jagdschloss, fast hermetisch von der Umwelt abgeriegelt und von den Heiligenkreuzer Patres nicht unangefeindet.
Bereits am 19./20. November 1887 kann das neue Schloss eingeweiht werden: Im Erdgeschoß des Hauptgebäudes liegen die Räume des Kronprinzen, darüber die Zimmer seine Gattin, Stephanie von Belgien. Nach Norden schließen sich ein niedriger Dienertrakt mit Einfahrt, das ehemalige Forsthaus - nun umgebaut für Rudolfs Tochter Elisabeth - und ein Küchengebäude an. Ein gedeckter Gang verbindet dies Gebäude mit dem zweigeschossigen Haupthaus. An der Südseite liegt ein zweiter, von einer Mauer umgebener Garten mit weiteren Springbrunnen, dem Pavillon und einer gedeckten Kegelbahn, die auch als Schießstätte genutzt werden kann.
Das Jagdschloss ist sicher kein Prunk- oder Repräsentationsbau, wird jedoch wohnlich mit vielen, aus anderen Hofgebäuden zusammengetragenen Mobilien eingerichtet worden sein. Jenseits der strengen Etikette des Wiener Hofes geht man hier allgemein im steierischen Lodenrock und in Kniehosen. Ein einzige Mal weilt auch der Kaiser im Jagdschloss Mayerling: am 25. Dezember 1887 kommt er in der Früh und reist nachmittags mit seinem Sohn zurück nach Wien.
Die längste Zeit wohnte Rudolfs Tochter Elisabeth in Mayerling: 1888 verbrachte sie drei Wochen mit kleinem Hofstaat im Wienerwald. Zeitzeugen beklagen einen “Eindruck des Unfertigen”, den die gesamte Anlage macht, monieren den “Mangel an Bildern, Büchern und Uhren im Inneren” und klagen, daß das Schloss “für Feste größeren Stils gänzlich ungeeignet” sei.
Dennoch tut sich seit Einweihung des Jagdschlosses in Mayerling einiges: 1888 wird im Wirtschaftshof ein zeitlich eingeschränkter Brief- und Fahrpostauf- und Abgabedienst als Ergänzung des Telegraphen eingerichtet, der sich seit dem November 1887 im Parterre der Villa Leiningen befindet. Am 30. Jänner 1889 beantragen in Wien Bahnenthusiasten die Verlängerung der Lokalbahn von Traiskirchen und Rauhenstein nach Klausen-Leopoldsdorf über Mayerling mit einer 180 Meter langen Station samt Hofwartehalle. Doch allenthalben ist das Leben auf dem Weg zu seinem Tod und es kam anders, wie wir heute wissen und wie es der 1566 verstorbene Astrologe Nostradamus angeblich voraussagte: “Ich sehe den Mann, den der Vater durch eine Waffe verlieren wird, geboren von einer Frau, die wie eine Nonne lebt. Er wird sich eine Kugel vor den Kopf brennen und seine Geliebte töten. In Österreich wird man erreichen, daß alles mit Schweigen bedeckt wird”.