30. Jänner 1889
Einem Extrablatt der “Hattinger Zeitung” vom 30. Januar 1889, 5.35 Uhr nachmittags, ist zu entnehmen: “Kronprinz Rudolf von Oesterreich ist plötzlich an einem Schlaganfall gestorben.” Ein zweites Extrablatt verkündete am 1. Februar um 4.37 Uhr nachmittags: “Die amtliche Wiener Zeitung meldet, eine genaue Feststellung habe ergeben, daß Kronprinz Rudolf sich in einem Anfall von Geistesstörung erschossen habe”. Am gleichen Tag hatte die gleiche Zeitung noch in ihrer Morgenausgabe gemeldet: “Der 31jährige Kronprinz Erzherzog Rudolf ist in Meierling bei Baden infolge eines Schlaganfalls plötzlich verstorben.” Am Samstag, 2. Februar, präzisiert das “Lüdenscheider Wochenblatt”: “Ein Selbstmord hatte seinem Leben ein jähes Ende bereitet. Die ursprünglich umlaufenden Gerüchte von einem Jagdunfall mit tödlichem Ausgang bzw. von einem Sturz vom Pferde beruhten auf Vermutungen”.
Das Leben geht immer zu Ende: naturbedingt langsam oder plötzlich durch Krankheit und Verfall. Oder durch den unnatürlichen Tod: Unfall, Mord, Freitod. Der österreichische Kronprinz starb eines nicht natürlichen Todes. Das bestätigt das Gutachten, ein Auszug des Obduktionsbefundes: “Es unterliegt keinem Zweifel, daß Seine k.u.k. Hoheit sich den Schuß selbst beigebracht hat und daß der Tod augenblicklich eingetreten ist”. Der Obduktionsbefund im vollen Wortlaut ist nicht bekannt geworden. Vielleicht geben Bilder des Toten Auskunft über seine Todesursache und somit die Todesart?
Der Kronprinz im Sarg - die zweite Aufbahrung im Schweizerhoftrakt der Burg. Zweiter Stock. Angekleidet in eine Generalsuniform. Einbalsamiert. Die erste Wiener Einsegnung in einem Salon des kronprinzlichen Appartements. Um halb zehn Uhr nachts setzt sich dort der Leichenzug in Bewegung. Der Sarg steht auf einer schwarz überzogenen Bahre.
Sonntag, 3. Februar, 1889. Über die Säulenstiege, durch den Theatergang und die Botschafterstiege in die Hofburg-Pfarrkirche. Der Leichnam liegt im zugedeckten Sarg unter einer weißen Stafette. In der Kirche singen die Sänger der Hofmusikkapelle. Der Sarg wird auf einem Schaubett abgestellt. Neuerliche Einsegnung. Die dritte Aufbahrung. Neben dem Chor: etwas 30 Personen, die zusehen, mitleiden, Anteil nehmen. Graf Carl Bombelles. Graf Rosenberg. Freiherr von Giesl. Dr. Theodor Ritter von Spindler. Fritsche. Mayer. Am linken Arm: Trauerflor.
Montag, 4. Februar. Einsegnung. Von 8 bis 17 Uhr “Exposition” in der schwarz ausstaffierten Kirche. Ein schwarzer Baldachin überwölbt das Trauergerüst mit dem offenen Sarg.
Dienstag, 5. Februar. Einsegnung. Von 8 bis 12 Uhr “Exposition”. Dann eine Stunde Glockengeläut. Die beiden Schlösser des Holzsarges werden abgesperrt. Um 16 Uhr das Leichenbegängnis. Der Holzsarg auf einem sechsspännigen schwarzen Leichenwagen. Vornweg sechs Schimmel als Lippizaner. Bei anderen Beisetzungen waren es stets Rappen aus dem Kladruber Gestüt, konstatiert der Mayerling-Forscher Fritz Judtmann.
Der Sarg der Kronprinzen kommt in den nordöstlichen Teil der Gruft. In die Ferdinandsgruft. Erst 1908/09 wurde die Franz-Josephs-Gruft von Cajo Perisic, kroatischer Künstler und Hofoberbaurat, errichtet. In der Ferdinandsgruft wird Rudolfs Holzsarg in einen provisorischen Sarkophag eingesetzt. Wieder Einsegnung. Der Sarkophag wird verlötet. Anwesend sind der Pater Guardian, Regierungsrat Rauch vom Obersthofmarschallamt als Protokollführer und Burghauptmann Regierungsrat Ferdinand Kirschner. Erst am 5. April wird der provisorische Sarg in den endgültigen Prunksarkophag umgebettet.
“Der Selbstmord des Kronprinzen ist die einzig und alleinige voll glaubhafte und den Tatsachen entsprechende Version seines Todes” schreibt Ghislaine Windisch-Graetz.Doch das scheint zu einfach, denn: Geklärt werden kann die Tragödie nach dem heutigen Stand der Dinge nur noch offiziell: durch eine staatlich getragene Obduktion von mindestens zwei Leichen. Mindestens zwei Leichen!